Ich glaube; hilf meinem Unglauben!

Markus 9,24

Gedanken zur Jahreslosung von Iris Onken

Ja, was denn nun? Glaubt er? Oder glaubt er nicht? Geht denn beides gleichzeitig…? Oder nicht eher nacheinander…?

Die meisten kennen das aus ihrem eigenen Leben: Mal erlebt man sich sicher, mal überhaupt nicht. Auch in anderen Lebensbereichen. Egal ob das die Liebe bei Verliebten ist oder die Hoffnung in einer scheinbar ausweglosen Situation oder neues Vertrauen nach einer Enttäuschung….

Ja, es gibt manchmal ein Nicht-Glauben-Können auch im Leben fest verwurzelter Christen! Und dann ist da ja auch das Eigentlich-Glauben-Wollen! Der Vater aus der Geschichte in Markus 9 hat eine lange Leidensgeschichte hinter sich mit seinem kranken Sohn. Jahrelang hat er alles versucht – aber nichts hat geholfen!

Und dann kommt da dieser Jesus, von dem alle sagen, er könne Wunder tun. Aber tut er jetzt auch ein Wunder bei seinem Sohn? Kann er das denn auf jeden Fall? Und noch quälender: Will er das auch? Als der Vater Jesus adressiert mit den Worten „Hilf uns, wenn Du kannst!“, geht ihn Jesus an mit der Gegenfrage: „Was sagst Du: << Wenn ich kann?>> Alles ist möglich, wenn Du (mir) glaubst!“ Da bricht die ganze Verzweiflung aus dem Vater heraus, indem er schreit: „Ich glaube (Dir ja)! Hilf (doch) meinem Unglauben!“

Und jetzt das Entscheidende:

Jesus antwortet dem Vater nicht, dass er dann eben leider noch ein bisschen warten müsse mit dem Helfen, bis der Glaube gewachsen sei. Er macht die Heilung des Jungen nicht vom Maß des vorhandenen Glaubens des Vaters abhängig – sondern von dessen Ehrlichkeit! Er macht den Jungen auf der Stelle gesund und beweist dadurch seine Macht und Autorität!

Unsere Zweifel erschrecken Gott nicht! Sie verunsichern Gott nicht! Er kann es aushalten, wenn unser Herz und unser Verstand im Widerspruch sind! Aber er freut sich über Ehrlichkeit, denn wenn wir unsere Zweifel wahrnehmen, zugeben, ihnen nachgehen und sie vor Gott bringen, nur dann kann Gott in uns und an uns arbeiten, damit unser Glaube und unser Vertrauen von Erfahrung zu Erfahrung stärker werden.

Wenn wir unsere Zweifel zulassen, sie uns bewusst sind und wir Gott bitten und erlauben, uns zu verändern, können sie uns nicht so leicht in schwierigen Situationen verunsichern oder aus dem Hinterhalt überfallen wie ein Monster, das hinter der Tür hervorspringt, und uns gerade dann die Kraft rauben, wenn wir sie so dringend bräuchten.

Deshalb wäre es unehrlich und fatal sich (und Gott!) nicht einzugestehen, dass wir unsere Zweifel haben. Gott sieht sowieso in unser Herz. Fassaden oder Masken halten Gottes Blick auf unser Inneres nicht ab. Aber er freut sich über jedes Maß an Ehrlichkeit, das in der Beziehung zu ihm vorhanden ist und wächst. Deshalb geht die Geschichte ja auch so gut aus!

Sagen wir Gott, wo wir es nicht so hinkriegen, wie wir gerne wollen und überlassen wir IHM den Rest! ER kann immer helfen! Und ER will! Das können wir glauben (lernen)!

 

Ein weiterer Gedankenanstoß zur Jahreslosung von Pastor Michael Freitag

„Hilf meinem Unglauben!“

Diese Bitte ist an Jesus gerichtet. Eine Bitte, oder besser: Ein Hilfeschrei von einem ziemlich fertigen Menschen, der seinen schwerkranken Sohn mitgebracht hat – in der Hoffnung, dass der geheilt wird. Der Vater hat zuvor eine ziemliche Enttäuschung erlebt: Die Jünger Jesu, an die er sich zunächst gewandt hat, konnten die Heilung nicht bewerkstelligen. Nun aber kommt Jesus dazu. Und Jesus erklärt ihm und allen Umstehenden mit einigermaßen harschen Worten, dass dieser Misserfolg schlicht mit mangelndem Glauben zu tun habe: „Wer wirklich glaubt, für den ist nichts undenkbar und unmöglich“.

Nun ist der Vater in einer Zwickmühle: Er will ja glauben – schon aus ganz eigennützigen Gründen. Aber das gerade Erlebte hat ihn, zumindest scheinbar, gelehrt, dass das letztlich doch nichts nützt und dass Zweifel angebracht sind. Aber er tut das Beste, was er tun kann: Er schüttet seine ganze innere Zerrissenheit und Widersprüchlichkeit vor Jesus aus:“Ich glaube ja; aber hilf meinem Unglauben“. Er vertraut seine innere Verzwicktheit und Verwunderung Jesus an.

Und damit tut er eigentlich das, was in Wahrheit und im Grunde tiefster Glaube ist: Sich Jesus anzuvertrauen, mit der ganzen Gemengelage in seiner Seele. Tatsächlich – das ist wahrhaftiger Glaube. Nämlich Glaube, der ehrlich ist. Glaube, der sich nicht selbstsicher und unangreifbar aufstylt, sondern verletzlich ist. Glaube, der nicht perfekt und grandios seine Leistungsshow inszeniert, sondern seine Unperfektheit und seine Verwundungen zeigt.

Übrigens – und das ist auch wichtig – das alles nun auch wieder nicht als Demonstration des „allerbesten“ Glaubens. Und vor aller Welt, damit diese Welt „live“ sieht, wie tiefer Glaube funkti0niert. Der Vater wendet sich schlicht mit seiner inneren Verfassung an Jesus. Immerhin: Die anderen hören mit, und so wird er für einige andere vielleicht zum Glaubensvorbild.

Natürlich: Der Vater in dieser Geschichte hatte gewiss mit seinem Satz keine missionarischen oder religionspädagogischen und auch keine tiefschürfenden theologischen Absichten. Wer sich mit Krankheit, Dämonen, Frustration und Verzweiflung rumschlägt, hat weder Zeit noch den Nerv, sich etwa mit dem spannungsreichen, dialektischen Verhältnis zwischen Glaube und Unglaube rumzuschlagen und philosophische oder theologische Sätze über die fragile Existenz des Christenmenschen zu formulieren. Oder gar die Jahreslosung für das Jahr 2020 zu kreieren.

Aber immerhin: Dieser Satz steht in der Bibel, also im Wort Gottes, das von Gottes Geist durchhaucht (und in diesem Sinne inspiriert) ist. und durch das Gott heute noch zu uns redet. Allein darum haben wir das Recht, ganz unabhängig von dem Vater damals, darüber nachzudenken und Denkanstöße zu kriegen.

Ich zum Beispiel habe darüber nachgedacht, warum es nicht umgekehrt formuliert ist: „Herr, ich habe Unglauben in mir – aber hilf meinem Glauben.“ Also: „Hilf mir, dass ich besser, kräftiger, sauberer glauben kann…“ Ganz unlogisch wäre das nicht. Aber genau das steht da eben nicht geschrieben.

„Hilf meinem Unglauben“ – das heißt ja nicht: „Mach meinen Unglauben weg“ oder so…. Es heißt in der Tat: „Hilf mir, dass ich besser un-glauben kann.“ Hilf mir, mit meinem Unglauben, der aus vielleicht sogar begreiflichen Gründen in mir ist, besser umzugehen.

Unglaube gehört offenbar auch zum Christenleben dazu, wenn man ehrlich ist. Und es hilft wenig, ihn wegzudiskutieren, zu verdrängen oder arrogant zu verurteilen (Letzteres tun wir übrigens gerne bei den anderen…). All dies würde nur das Leben und den Glauben untergründig vergiften.

„Hilf meinem Unglauben“ – das ist darum so wichtig, weil es darum geht zu lernen, mit dieser gelegentlich heftigen inneren Zerrissenheit und der Spannung zwischen meinem Glauben und meinem Unglauben heilsam umzugehen und vielleicht sogar daran zu wachsen und zu reifen; weil es darum geht, mich mit meinem Glauben und Unglauben in seine Hände fallen zu lassen – und dann zu spüren, wie heilsam das sein kann.

„Hilf meinem Unglauben – damit mein Vertrauen zu Dir, Gott, wachsen kann.“

Herzlich Michael Freitag

 

 

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